Was ist das Schmerzgedächtnis?
Vom Schmerzgedächtnis spricht man dann, wenn die eigentliche Ursache für den Schmerz nicht mehr existent ist, der Schmerz aber immer noch da ist. Prominentes Beispiel hierfür ist der Bandscheibenvorfall: hier sieht man auf einem MRT beispielsweise, wie die Bandscheibe wirklich eingeklemmt und in Mitleidenschaft gezogen wird. Aber auch nach erfolgreichen Operationen oder sonstigen Behandlungen bleibt der Schmerz bei den Patienten oft bestehen, auch wenn die Ursache eigentlich behoben wurde.
Bei chronischen Schmerzerkrankungen steht uns also dieses Schmerzgedächtnis im Weg und lässt uns weiterhin Schmerzen spüren, auch wenn es hierfür eigentlich keine körperliche Ursache gibt.
Schmerz verändert sogar das Gehirn

Das Schmerzgedächtnis lässt sich sogar anhand von Veränderungen im Gehirn erkennen: Bei starken, und häufigen oder andauernden Schmerzen verändern die Nervenzellen (Neuronen) ihre Struktur und somit sogar auch ihre Funktion: bei Menschen mit chronischen Schmerzen senden sogar die Nervenzellen häufiger und insgesamt mehr Signale als bei gesunden Menschen. Und zusätzlich nimmt die empfangende Nervenzelle sogar viel mehr Signale auf, da mehr Empfänger vorhanden sind.
Dieses Prinzip wird immer wieder mit der Autobahn verglichen: die Nervenbahnen, die immer wieder genutzt werden, bauen sich so vom Trampelpfad zur Autobahn aus. Die Schmerzsignale werden also viel schneller und häufiger weitergeleitet. Man erkennt dies an viel mehr Neurotransmittern zwischen den Synapsen bei Menschen mit chronischen Schmerzerkrankungen.
Chronischer Schmerz ist eine eigene Krankheit
Aufgrund dieses Mechanismus, der die Schmerzentstehung von der eigentlichen Ursache abkoppelt, spricht man bei einer chronischen Schmerzerkrankung auch von einer eigenen Erkrankung. Die primäre (früher mal ursächlich gewesene Erkrankung) ist nicht mehr existent, und die Schmerzen haben sich so zu einer eigenen Krankheit entwickelt. Diese muss auch separat betrachtet werden, da nun natürlich ein völlig anderer Ansatz gewählt werden muss, diesen Schmerzen, die keine körperliche Ursache mehr haben (bzw. halt nicht mehr diese, die ursprünglich ursächlich war), wirkungsvoll entgegen treten zu können.
Den Schmerz wieder verlernen
Schaut man sich die körperlichen Veränderungen an, die bei chronischen Schmerzerkrankungen passieren, wird einem klar, dass man sich diese antrainierte Über-Übertragung zwischen den Nervenzellen regelrecht wieder abtrainieren muss. Wir wollen aus der super ausgebauten Autobahn also nach und nach wieder eine Landstraße machen, und dann immer mehr den Schmerz zu verlernen, um irgendwann wieder beim Trampelpfad anzukommen.
Doch wie verlernt man eigentlich? Sprachen oder bestimmte Fertigkeiten verlernt man dann, wenn man diese nicht mehr nutzt. Allerdings sind so tief eingeübte Abfolgen nicht nach wenigen Tagen auflösbar. Denn so kommt es auch, dass das ehemalige Schul-Französisch plötzlich wieder richtig aufblüht, wenn man die eigentlich totgeglaubten Bahnen wieder aktiviert.

Das Verlernen ist natürlich ganz schön schwer vorstellbar, wenn man dies auf die chronischen Schmerzen übertragen möchte, denn: wir können den Schmerz ja nicht steuern und diesen nicht willentlich runter-regeln, um ihn zu verlernen. Und wie im Beispiel vom re-aktivierten Schulfranzösisch reicht es bei chronischen Schmerzpatienten, die jahrelang sehr häufigen Schmerz haben, leider nicht aus, wenn es mal einige schmerzfreie Phasen oder Episoden gibt.
Heisst das, wir können den Schmerz gar nicht verlernen?
Zunächst klingt es wie ein unlösbares Problem: man erkennt, was die Lösung wäre, kann dann aber willentlich die Schmerzen natürlich nicht beeinflussen. Aber: Moderne psychotherapeutische Maßnahmen scheinen nun gezielt in diese Richtung zu gehen. Es wird ein anderer Umgang eingeübt, der so neue Pfade und Erfolgserlebnisse im Gehirn schafft, um so langfristig gegen die chronischen Schmerzen wirkungsvoll zu sein.
Über einzelne Maßnahmen und gezielte Übungen werde ich immer mal wieder in den Tipps&Tricks berichten.
Bis dahin lohnt es sich auch mal, sich Curable oder eine der deutsch-sprachigen Alternativen anzuschauen, und die dort enthaltenen Übungen zum ‚Verlernen des Schmerzes‘ durchzuführen.
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