Mein Leben mit Migräne
Es gab Zeiten in meinem Leben, da hätte ich nie vermutet, dass ich bei meiner Migräne-Erkrankung mal in der Vergangenheitsform sprechen würde.
Mit 14 Jahren zum ersten Mal in Erscheinung getreten, jahrelang fehldiagnostiziert (also nicht diagnostiziert und daher völlig falsch medikamentös behandelt) und erst mit 20 Jahren dann während des Studiums von einer Schmerzärztin mit der Bezeichnung „Migräne ohne Aura“ betitelt. Anfangs ärgerte ich mich maßlos, dass die Ärzte zuvor mir nicht die Migräne als Erkrankung diagnostiziert hatten, und mich jahrelang mit völlig falschen Medikamenten und Maßnahmen (vom ‚Nacken einrenken‘, über starke Rheuma-Schmerzmittel bis Procain Injektionen in den Hinterkopf) behandelten. Wenn ich aber gewusst hätte, wohin mich die Diagnose Migräne führen würde, hätte ich es dann aber doch lieber nicht gewollt.
Während Anfangs der Migräneschmerz oft ab Freitag Abends oder aber spätestens Samstags kam (also typische Wochenend-Migräne: endlich Zeit zur Erholung und sobald das System runterfährt, kommt die Migräne) hat sich das über die Jahre und die gestiegene Anstrengungen (Abitur, Studium, parallel Arbeiten) immer weiter gesteigert, sodass durchaus jedes Wochenende und auch nochmals unter der Woche mit einer Attacke gerechnet werden musste.
Doch nachdem ich mit der Schmerztherapie bei der Migräne-Ärztin begonnen habe, hatte es sich nochmals um ein Vielfaches gesteigert.
Ich hatte von der Schmerztherapeutin nämlich das erste Mal ein Medikament erhalten, das den Schmerz abstellen konnte. Wow, das hatte ich ja jahrelang nicht! Die gängigen Schmerzmittel (Aspirin, Ibuprofen, Paracetamol) hatte ich schnell durch und auch sehr hohe Dosen (man wird dann ja echt etwas extrem, wenn man diesen unerträglich hämmernden Schmerz spürt – weshalb ich auch mal einen kompletten Streifen Aspirin versucht hatte) blieben leider ohne die erwünschte Wirkung.
Und nun bekommt man von der Schmerztherapeutin Triptane, die man noch mit Naproxen kombinieren soll. Und wow, was soll ich sagen? Ich war die ersten Wochen im Himmel: Migräne kam, Triptan rein, Migräne ging. Genial.
Da ich ja jetzt fleissig ein Schmerztagebuch führte, und auch immer brav zu meinen Terminen mit der Schmerzspezialistin ging, fiel dann schnell auf, dass sich meine Schmerzhäufigkeit extrem verschlechtert hatte. Ich hatte einfach jeden zweiten Tag einen Migräneanfall!
Die Therapeutin schien nicht so verwundert… es sei ja klar, ich würde ja auch an viel zu vielen Tagen im Monat ein Triptan nehmen. Das darf man ja nur bis maximal 8 mal machen – ab dann wird’s blöd und man bekommt vom Triptan wiederum die nächste Migräneattacke verursacht (nennt sich dann Medikamenteninduzierter Kopfschmerz). Also setzte sie mich auf einen ambulanten Entzug (klingt genauso scheisse, wie es war) und ich durfte keinerlei Triptane oder sonstige Medikamente mehr nehmen. Bis die Schmerzen nachlassen. Ich hab gelitten wie ein Tier. Es ist unvorstellbar, wie es ist, mit hämmerndem brutalsten Schmerz im Kopf daheim zu sitzen, und sich einfach nicht mehr helfen zu wissen. Es gab einige Situationen – und das kennt wahrscheinlich der ein oder andere auch sehr gut – in denen ich meinen Kopf gegen die Wand gehämmert habe, da ich etwas anderes spüren wollte.
Diese Entzug-sache habe ich insgesamt 3 mal bei dieser Ärztin machen müssen, da ich immer wieder, sobald ich die Triptane nehmen durfte, einfach über die Grenze kam.
Natürlich wurde nebenbei eine ganze Menge anderer Maßnahmen versucht: da waren die Betablocker, mit denen einen Prophylaxe versucht wurde. Nein, betablocker helfen leider nicht.
Na, dann vielleicht die guten Anti-Epileptika? Mensch, was mein Epileptiker hilft, kann doch auch beim Migränepatient nicht schaden… nein, hilft leider nicht. Macht auch ganz schön komisch in der Birne (eine interessante Nebenwirkung des Mittels war, dass ich plötzlich dachte, dass ich jeden Menschen (auch wenn ich mir bewusst war, ich kenne diese Person nicht) als bekannt wahrnahm und ich mir sehr sehr sicher war, ich würde die Person kennen. Alle kamen mir so bekannt vor. Sehr interessante Nebenwirkung, die doch zeigt, wie stark das Mittel auf das Gehirn wirkt, sodass dort die Informationen plötzlich anders verarbeitet werden). Sehr fraglich fand ich auch den Hinweis, ich dürfte um Himmels Willen nicht schwanger werden, wenn ich das Mittel nehme. Das gäbe schließlich ganz schlimme schlimme Behinderungen beim Kind. Aha, was nehme ich denn eigentlich da für ein Killer Zeug?
Ach ja, das dritte im Bunde hatte bei mir auch keine Wirkung gezeigt: Anti-Depressiva. Naja, einen Versuch war es wert.
Na, wenn da medikamentös so gar keine Linderung kommt, schickt man die Patientin also lieber mal stationär in die Klinik. Entgegen der Empfehlung durch die Schmerzärztin, ich solle mich in Kiel vorstellen, habe ich die ganze Sache erst mal komplett abgeblasen. Ich hatte mich einfach nicht gut beraten gefühlt. Und nach nicht mal einem Jahr Behandlung durch die Ärztin sah meine Lage auch noch viel bescheidener aus als davor.
Nach einer entsprechenden Pause von Ärzten (und Selbstmedikation in Form von Triptanen) habe ich mich dann irgendwann in der Migräneklinik in Königstein zur ambulanten Sprechstunde vorgestellt. Dort wurde mir ein stationrärer Aufenthalt nahegelegt, der mir dann auch von meiner Krankenkasse bewilligt wurde.
Dort hatte ich dann nach ca. 13 Jahren Migräne zum ersten mal für zwei Wochen am Stück keine Migräne. Wahnsinn! Ich war so happy… und irgendwie war’s klar: das hat mit dem wenigen Stress zu tun (ich habe Qigong gemacht, viel gelesen, gekneippt, etc.) und sicherlich mit der Ernährungsumstellung (Mayer Fasten für 2 Wochen, danach leichte Aufbau-Kost), und auch mit dem heftigen Medikamentenentzug, den ich in der ersten Woche durchgemacht habe: man darf nichts nehmen, und bekommt nur Infusionen, wenn es zu arg wird.
However, ich fühlte mich großartig. Der Arzt wollte, dass ich noch etwas verlängere… aber hey, mein Team braucht mich doch… ich muss zurück… und nach 2 Tagen wieder normalem Alltag hatte mich auch mein Schmerz-Alltag wieder: ich hatte wieder Kopfschmerzen! Und so schlich es sich ein und ich war irgendwann wieder auf dem alten Level.
Und doch war da was anders. Ich wusste nämlich jetzt, dass es möglich ist. Dass es da diese 2 Wochen gab in meinem Leben, in welchen ich keine Schmerzen hatte. Und wenn ich es einmal hatte, dann kann ich es auch wiederhaben!
Ach ja, das ganze hatte dann weitere 8 Jahre und unzählige weitere Versuche gebraucht, bis ich heute da bin, wo ich bin. Doch darüber wann anders mehr…

